Stellen Sie sich einen Dienstleister vor, der für sorgfältige persönliche Begleitung steht. Seine Kunden schätzen, dass er zuhört, mitdenkt und auch schwierige Aufgaben zuverlässig bearbeitet. Genau darin liegt der Wert seines Angebots.
Doch bei Preisverhandlungen gibt er regelmäßig nach. Zusätzliche Wünsche übernimmt er kostenlos. Auch Aufträge, die kaum zu seiner Ausrichtung passen, nimmt er an. Er möchte niemanden enttäuschen und keinen Kunden verlieren. Jeder einzelne Kompromiss scheint überschaubar. Zusammen verändern sie sein Geschäft.
Das Team arbeitet immer mehr. Die persönliche Betreuung wird aufwendiger. Gleichzeitig sinkt der Ertrag, der nach dieser Arbeit übrig bleibt. Was sich im Gespräch wie ein Entgegenkommen anfühlt, kann wirtschaftlich teuer werden.
Michael Porter beschreibt mit „stuck in the middle“ eine strategische Lage, in der ein Unternehmen keinen tragfähigen Wettbewerbsvorteil erreicht. Er unterscheidet Kostenführerschaft, Differenzierung und Fokus. Kostenführerschaft beruht darauf, Leistungen mit niedrigeren Kosten als Wettbewerber zu erbringen. Differenzierung schafft einen besonderen Kundennutzen, der einen höheren Preis rechtfertigt. Fokus bedeutet, eine ausgewählte Kundengruppe oder Marktnische gezielt zu bedienen, mit einem Kosten- oder Differenzierungsvorteil. Michael Porter: Competitive Advantage
Die oft gehörte Verkürzung „entweder billig oder Premium“ greift deshalb zu kurz. Niedrige Preise brauchen eine passende Kostenstruktur. Höhere Preise brauchen einen Nutzen, den Kunden tatsächlich erkennen und bezahlen wollen. Dieser Nutzen kann in besonderer Verlässlichkeit, Fachkenntnis oder Betreuung liegen. Ein mittlerer Preis kann zu einer klaren Strategie gehören. Auch Kostenvorteile und Differenzierung lassen sich unter passenden Bedingungen verbinden. Harvard Business School: Strategische Positionierung
Entscheidend ist, wie ein Unternehmen seinen gewählten Nutzen erbringt. Individuelle Begleitung verlangt andere Abläufe und Ressourcen als ein weitgehend standardisiertes Angebot. Wer beides anbietet, muss organisieren können, wie die Leistungen zusammenpassen. Eine tragfähige Strategie schließt deshalb bewussten Verzicht ein. Bestimmte Wünsche werden anders erfüllt, gesondert berechnet oder abgelehnt. Harvard Business School: Strategische Zielkonflikte
Bei unserem Dienstleister lässt sich die Folge einfach zeigen. In einem angenommenen Auftrag stehen einem Nettoerlös von 10.000 Euro zunächst 8.000 Euro direkt zurechenbare Kosten gegenüber. Es bleiben 2.000 Euro für allgemeine Betriebskosten und Gewinn. Gewährt er 1.000 Euro Rabatt und verursachen zusätzliche Wünsche weitere 1.000 Euro Kosten, ist dieser Betrag vollständig aufgezehrt. Der Auftrag bringt Umsatz und Arbeit. Zur Deckung der übrigen Kosten trägt er jetzt nichts mehr bei. Wenn solche Zugeständnisse zur Gewohnheit werden, passen die versprochene Betreuung, die dafür nötigen Ressourcen und die erzielten Preise immer weniger zusammen.
Ein solcher Auftrag kann aus einem nachvollziehbaren Grund angenommen werden. Vielleicht eröffnet er einen neuen Markt oder überbrückt eine schwierige Phase. Dann gehört der Grund bewusst auf den Tisch, zusammen mit seinen Kosten und einer Grenze. Wiederholt sich das Nachgeben ungeprüft, wird daraus allmählich eine Arbeitsweise, die das Unternehmen belastet.
Warum halten wir daran fest?
Porter nennt die Angst vor Fehlentscheidungen und die Scheu, geschätzte Menschen zu enttäuschen, als Gründe dafür, dass strategische Entscheidungen ausbleiben. Michael Porter: What Is Strategy?
Damit berührt die wirtschaftliche Frage unsere innere Ausrichtung. Vielleicht wissen wir, welche Vereinbarung nötig wäre. Doch sobald der Kunde widerspricht, wird es eng. „Wenn ich auf meinem Preis bestehe, verliere ich ihn.“ „Wenn ich diesen Wunsch ablehne, bin ich schwierig.“ „Wenn mein Angebot nicht angenommen wird, habe ich etwas falsch gemacht, genüge nicht den Anforderungen.“
So bekommt das Kundengespräch eine zusätzliche Aufgabe. Es soll bestätigen, dass wir kompetent, geschätzt und erfolgreich sind. Eine sachliche Grenze erscheint dann wie eine Gefahr für unseren persönlichen Wert. Aus der Absage zu meinem Angebot wird ein Urteil über mich. Wir machen ein Zugeständnis und spüren zunächst Erleichterung. Doch die wirtschaftliche Aufgabe bleibt bestehen.
Vielleicht erkennen Sie dieses Muster: Das Vertraute belastet Sie, und trotzdem halten Sie daran fest. Eine Veränderung scheint noch bedrohlicher. Sie wissen, was Sie aufgeben würden. Was dadurch möglich wird, ist Ihnen noch nicht vertraut.
Hier beginnt Ihre Verantwortung für die eigene innere Ausrichtung. Nehmen Sie diese Verantwortung vollständig an. Beobachten Sie, welche Bedeutung Sie einer Absage geben und welche Bestätigung Sie von einem Auftrag erwarten. Damit wird Ihr eigener Anteil am erlebten Druck sichtbar.
Nehmen Sie einen Moment Abstand. Bleiben Sie einen Augenblick ganz ruhig und still. Gedanken der Sorge dürfen da sein. Auch ein unangenehmes Gefühl darf da sein. Sie brauchen es weder wegzuschieben noch sofort durch ein Zugeständnis zu beruhigen.
Prüfen Sie an Ihrem eigenen Erleben, was Sie wahrnehmen, wenn Sie sich oder anderen gerade nichts beweisen müssen. Vielleicht wird es ruhiger. Vielleicht bemerken Sie wieder die Leichtigkeit und Freude, die unter der Anstrengung des ständigen Absicherns verborgen geblieben sind.
Aus dieser Ruhe können Sie die Aufgabe klarer betrachten. Welchen Nutzen braucht dieser Kunde? Welche Leistung können Sie zuverlässig erbringen? Welcher Preis trägt den tatsächlichen Aufwand? Welche Folgen hätte eine Absage für Ihre Liquidität und Auslastung? Und welche Bedingungen würden den Auftrag für beide Seiten tragfähig machen?
Ihre Erfahrung und Ihr fachliches Wissen gehören in diese Prüfung. Ebenso die tatsächliche Zahlungsbereitschaft der Kunden. Wenn Ihr Angebot im Markt nicht trägt, braucht es eine Veränderung. Innere Klarheit hilft Ihnen auch dabei, solche Informationen anzunehmen und Ihre Ausrichtung weiterzuentwickeln.
Vielleicht entsteht nun eine klare Antwort: „Diese zusätzliche Begleitung können wir übernehmen. Dafür erweitern wir den vereinbarten Leistungsumfang und passen den Preis an.“ Vielleicht bieten Sie einen kleineren Umfang an. Vielleicht lassen Sie den Auftrag gehen. Welcher Schritt angemessen ist, ergibt sich aus der konkreten Situation.
Trainieren Sie diese Unterscheidung im Alltag. Eine geschäftliche Entscheidung darf wirtschaftliche Folgen haben, ohne zugleich über Ihren persönlichen Wert zu entscheiden. Sie können sich festlegen, die Wirkung beobachten und bei neuen Informationen erneut entscheiden. Daraus entsteht mehr Freiheit, Ihrer Aufgabe tatsächlich zu dienen.
Nehmen Sie für Ihre nächste Entscheidung diese Frage mit:
Welches Ja trägt Ihr Geschäft, und welches beruhigt vor allem Ihre Angst?
